Forum Sprache
August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur
Poetik der Übersetzung
Schreibst du noch
oder
Zum fünften Mal steht in
diesem Wintersemester an der Freien Universität Berlin Poetik der Übersetzung auf dem
Studienplan. Inhaber der diesjährigen Gastprofessur ist Dr. Olaf Kühl, sein
Seminarthema lautet: „Schreibst du noch oder übersetzt du schon? Über Sätze
und ihre Lebenswelten.“ Für das
MDÜ stellte er sich den Fragen von Dr. Michaela Prinzinger, selbst
Literaturübersetzerin.
Welche
Bedeutung hat für Sie die Wilhelm-August-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik
der Übersetzung?
Die
Gastprofessur ist für mich eine große Auszeichnung. Sie soll Gelegenheit geben,
die eigene Erfahrung als Übersetzer kritisch zu reflektieren. Es geht weniger
darum, an der Universität das eigene Handwerk zu vermitteln. Die Mehrzahl
meiner Studenten kommt aus dem Bereich Allgemeine und Vergleichende
Literaturwissenschaft, das sind sehr aufgeschlossene und intelligente junge
Leute. Vom Chinesischen bis zum Italienischen sind viele Kulturkreise
vertreten, am wenigsten noch meine eigenen, d.h. die slawischen Sprachen. In
den anregenden Diskussionen mit meinen Studenten lerne ich wahrscheinlich mehr,
als sie von mir. Es ist zumindest ein zweiseitiger Prozess.
Wie kam es,
dass Sie sich auf Literaturübersetzungen aus dem Polnischen spezialisiert
haben?
Das kam
ungeplant, wie so vieles in meinem Leben. Ich hatte schon während des Studiums
der Slawistik und osteuropäischen Geschichte sowjetische kunsthistorische Texte
übersetzt. Nach dem Studium lud Prof. Rolf Fieguth mich zur Mitarbeit an der
neuen Gombrowicz-Gesamtausgabe bei Hanser ein. Auf einmal war ich im Betrieb
und bekam von da an ständig Aufträge. Das war auch ökonomisch die Rettung für
mich, denn nach mir als vermeintlichem Osteuropa-Spezialisten krähte ansonsten
erst mal kein Hahn. Schon seit den 80er Jahren übersetzte ich außerdem
Schadenakten aus osteuropäischen Ländern für deutsche Haftpflichtversicherer.
Das bringt im Gegensatz zur Literatur gutes Geld, beansprucht aber nur einen
Bruchteil der Gehirnkapazitäten.
Erstens
haben wir keinen Fernseher. Zweitens glaube ich, je mehr man zu tun hat, desto
mehr Zeit hat man auch. Die Leute mit den größten Terminschwierigkeiten sind
meistens Rentner oder andere, bei denen man sich den Zeitmangel überhaupt nicht
erklären kann. Zeit ist keine absolute Größe. Seit ich 1988 – auf Anraten von
Karl Dedecius - im Sprachendienst der Berliner Senatskanzlei angefangen habe,
bin ich ja auch noch vier Tage die Woche dort beschäftigt, seit fünfzehn Jahren
nicht mehr als Dolmetscher, sondern in der Auslandsabteilung. Drittens habe ich
kein Auto und lese zwei Stunden täglich in der S-Bahn das, was ich ohnehin
lesen muß – also etwa osteuropäische Bücher, die ich für Verlage begutachte.
Eins greift in das andere, um das Wort Synergien nicht zu strapazieren. Für den
Regierenden Bürgermeister musste ich mich intensiv mit der Tschetschenien-Frage
befassen; als ich Arkadi Babtschenkos Kriegserinnerungen übersetzte, kamen mir
diese Kenntnisse für mein Nachwort zugute. Bei meinem Roman „Tote Tiere“
(Rowohlt Berlin 2011) waren mir die Details der Chodorkowski-Prozesse schon von
meiner dienstlichen Tätigkeit her präsent. Der Wechsel von der einen zur
anderen Tätigkeit hat auch etwas Erfrischendes. Der Ping Pong zwischen Politik,
öffentlicher Verwaltung und Literatur hält die Wahrnehmungsfähigkeit wach. Wenn
man ein paar Stunden Stasiuk übersetzt hat, tut es sehr gut, im Roten Rathaus
Menschen zu begegnen, die ganz andere Dinge im Kopf haben und viel praktischer
denken.
Wie würden
Sie den Unterschied zwischen Fachübersetzen und Literaturübersetzen
beschreiben? Inwiefern verhalten sich die Übersetzer anders, wenn sie einen
Fachtext oder Literatur vor sich haben?
Das Ideal
eines reinen Fachtextes ist die Eindeutigkeit. In der Wartungsanleitung einer
Boeing 747 muss ein Schräubchen im ersten der tausend Aktenorder exakt so
bezeichnet werden wie im letzten. Von hier bis zur Literatur ist es eine
Gradskala. Sehr herausfordernd finde ich philosophische Texte, bei denen die
terminologische Transparenz ebenfalls wichtig, aber längst nicht so
eineindeutig ist wie in technischen Texten. Meine höchste Bewunderung gilt
sprachlich gelungenen Übersetzungen schwieriger philosophischer oder
psychoanalytischer Texte, etwa Eva Moldenhauers Übertragungen von Paul Ricoeur.
Das ist im Deutschen ein Lesegenuss.
Ein
Markenzeichen des literarischen Übersetzens – im Gegensatz zum Fachübersetzen
- ist ja das Mehrdeutige. Wie kann man
es erhalten, ohne unverständlich zu werden? Können Sie Beispiele geben?
Ohne die
Mehrdeutigkeit der Sprache wäre das Übersetzen längst ein automatisierter
Prozess, wie er es für viele standardisierte Textsorten schon ist. Aber so
lange man bei Google für „fluent Polish“ „flüssiges Poliermittel“ bekommt, darf
man sich weiter auf die Unzulänglichkeit der Maschinen verlassen. Wo sich das
Denken in der Sprache wirklich entfaltet, wo also nicht fertige Gedanken
verfasst werden, sondern jemand auf der Suche ist – dort ist die Mehrdeutigkeit
der Humus, aus dem Neues wächst. Und dort ist auch der Übersetzer wirklich
gefordert. Er wird zum Deuter, denn oft lässt sich Mehrdeutigkeit nicht ganz
retten, dann muß man Entscheidungen treffen, und jede Entscheidung ist
Interpretation. Es ist ein Glücksfall, wenn man bei einem zweideutigen Titel
wie Dorota Masłowskas Paw Królowej (wörtlich „Der Pfau“ oder aber „die
Kotze, der Brecher“ „der Königin“) mit Reiherkönigin einigermaßen im Bilde bleiben kann.
In Ihrer
Antrittsvorlesung ziehen Sie die Freudsche „Traumdeutung“ heran, um die
Funktionsweise von Literatur, aber auch von literarischem Übersetzen zu
beschreiben. Würden Sie uns das genauer erläutern?
Freud in
der „Traumdeutung“ und die klassische Psychoanalyse überhaupt arbeiten sehr
stark mit der Sprache. Begriffe wie „Verschiebung“ und „Verdichtung“ haben ihre
Äquivalente in der Rhetorik (Metonymie und Metapher). Das hat mich schon in
meiner Arbeit über Witold Gombrowiczs inspiriert, in der ich Verbindungen
zwischen der Psychologie dieses Autors und seinem Stil aufgezeigt habe.
Übersetzung als Traumdeutung zu sehen ist ein fruchtbarer Gedanke und
beinhaltet vor allem, dass der Autor nicht immer Herr im eigenen Haus ist. Ein
Text kann Dinge sagen, von denen der Verfasser nichts weiß, die er sogar
bestreiten würde. Daher rührt mein unbedingter Respekt vor dem Text als letzter
Instanz. Freud hat empfohlen, den manifesten Trauminhalt ohne Rücksicht auf
seinen scheinbaren Sinn in seine Bestandteile zu zerlegen und die
Assoziationsfäden zu verfolgen, die von jedem der nun isolierten Elemente
ausgehen. Übersetzung in diesem Sinne wäre dann die Aufdeckung der latenten
Traumgedanken.
Mir scheint
der Begriff „Fremdheit“ wichtig, um sich der Frage des Literaturübersetzens
anzunähern, so wie ihn Julia Kristeva in „Fremde sind wir uns selbst“
verwendet. Einerseits erinnert der Akt
des Übersetzens beständig daran, dass Fremdes angeeignet wird, andererseits ist
Übersetzen gerade das Verheilen der Fremdheit und der Differenz. Dennoch bleibt
von diesem Heilungsprozess immer eine sichtbare Narbe zurück. Empfinden Sie das
ähnlich?
Die Kunst
besteht darin, diese Narbe sichtbar zu lassen, aber nicht als hässlichen Wulst,
sondern als Zeichen eines Sieges, eines Fortschrittes in der Erkenntnis und in
der Ästhetik, der ohne diesen gewagten Schritt nicht erreicht worden wäre.
Inwiefern
ist Übersetzung für Sie auch ein Akt der Unterwerfung, der Assimilierung, der
Kolonisierung, ja gar der Auslöschung des „Fremden“ in der eigenen Sprache?
Das kommt
bei schlechten Übersetzungen vor und ist vielleicht Symptom einer
Globalisierung der Literatur, bei der Autoren sich von vornherein überlegen,
was übersetzbar sein wird und was nicht. Bei manchen polnischen Autoren
beobachte ich eine vorauseilende Anverwandlung an deutsche Lesegewohnheiten,
weil das Deutsche für sie ein so wichtiges Einfallstor in die Weltliteratur
ist. Das lässt sich dann schon an den Buchtiteln ablesen. Spannender ist es,
wenn umgekehrt das fremde Denken, die andere Sprache das Eigene unterwandern
und zu verändern beginnen.
Jetzt eine
Frage, die angesichts des Drucks, den der Markt auf Literaturübersetzer ausübt,
„massenkompatibel“ zu übertragen, vielleicht müßig erscheint: Wo ist Ihre Position
zwischen den zwei Übersetzungstheoretikern – Luther und Schleiermacher? Der
eine plädiert nämlich für das „Verdeutschen“, also die vollständige Integration
in die Zielkultur, der andere für das „Verfremden“, also das Bewahren des
„Urtextes“ in der Übersetzung. Kann man sich solche Überlegungen als
Übersetzer, der für große Publikumsverlage arbeitet, überhaupt leisten?
Von einer Übersetzung wird viel mehr sprachliche Korrektheit verlangt als vom Original. Solange der Lektor nicht beurteilen kann, ob Holprigkeiten sich übersetzerischer Unfähigkeit oder dem Willen des Autors verdanken, wird er das Unebene immer begradigen wollen. Als junger Übersetzer will man erst einmal gefallen, will ins Geschäft kommen und kann sich die Konfrontation gar nicht leisten. Heute neige ich selbst stärker dazu, das Fremde durchscheinen zu lassen und dem deutschen Leser mehr abzuverlangen. Es gibt Übersetzer, wie Friedhelm Rathjen in seiner Neuübersetzung von Herman Melvilles Moby Dick, die da viel mutiger sind und sich zumindest bei einem Teil des Publikums durchsetzen.
Wie halten
sie das mit der Treue beim Übersetzen? Das alte Bonmot sagt ja, mit den
Übersetzungen sei es wie mit den Frauen, nur die untreuen seien schön. Das
Interessante ist ja, dass der Übersetzer umso sichtbarer wird, je treuer er
ist, und umso unsichtbarer, anonymer und unbemerkter, je „assimilierter“ an die
Zielsprache seine Übertragung ist.
Ich glaube,
das ist eine Frage der Definition von Schönheit. Mit glatter Model-Ästhetik,
die vorgegebene Erwartungshaltungen befriedigt, wird die Treue immer
kollidieren. Aber wie bei den Frauen gibt es auch bei den Übersetzungen eine
Schönheit höheren Grades, die viel mit Intelligenz zu tun hat. Witold
Gombrowicz ist auch im Polnischen nicht „schön“, und Elfriede Jelinek nicht im
Deutschen.
Würden Sie
Wilhelm von Humboldt zustimmen, der sagte, das Übersetzen diene "zur
Erweiterung der Bedeutsamkeit und der Ausdrucksfähigkeit der eignen
Sprache"?
Auf jeden
Fall. Übersetzen ist geradezu eine handwerkliche Schule für den eigenen Stil.
Gerade wenn man sich darauf einlässt, Texte aus entlegenen, fremden Epochen zu
übertragen, etwa dem polnischen Jugendstil. Wacław Berent, sehr manieristisch, oft
abstoßend verquast, hat in meiner eigenen Sprache – quasi als
Überlebensreaktion – Mittel provoziert, die sonst weiter geschlummert hätten.
An solchen Herausforderungen wächst die eigene Sprache. Je fremder die andere Ausdrucksweise,
desto besser.
Und noch so
ein schönes Zitat von Wilhelm von Humboldt: "Alles Übersetzen scheint mir
schlechterdings ein Versuch zur Auflösung einer unmöglichen Aufgabe. Denn jeder
Übersetzer muss immer an einer der beiden Klippen scheitern, sich entweder auf
Kosten des Geschmacks und der Sprache seiner Nation zu genau an sein Original
oder auf Kosten seines Originals zu sehr an die Eigentümlichkeiten seiner
Nation zu halten. Das Mittel hierzwischen ist nicht bloß schwer, sondern
geradezu unmöglich." Ist es wirklich unmöglich?
Diese
Gradwanderung ist gerade die hohe Kunst. Von vornherein unmöglich ist sie
nicht, vorausgesetzt, man hält das Übersetzen überhaupt für möglich.
Jacob Grimm
hat behauptet, die deutsche Sprache sei wegen ihrer Pedanterie, ihrer
verstockten Beharrlichkeit, ihrer bedächtigen Genauigkeit und ihres Hangs zu
schmuckloser Einfachheit für Übersetzungen besonders geeignet. Können Sie das
aufgrund Ihrer Erfahrungen bestätigen?
Pedanterie
und Beharrlichkeit mögen sich für philosophische Ausführungen eignen.
Angesichts des Rhythmus und der Bilderkraft slawischer Literaturen sind sie
schon überfordert. Es scheint ohnehin, dass man sich auf die eigene Sprache oft
sehr viel einbildet, was nur Bestand hat, solange es nicht mit dem Fremden
konfrontiert wird.
Ich habe in
meinem Seminar erfahren, dass die Italiener das deutsche Wort „Zeitgeist“ nie
übersetzen, weil sie der Meinung sind, jede Übersetzung würde seine Bedeutung
unzulässig einengen. Da scheint mir ein übertriebener Respekt vorzuliegen. Die
berühmte deutsche Tiefe bezieht sich oft nur aus der Beschwörungskraft
rhetorischer Figuren wie etwa der Alliteration. Ich habe mir manchmal überlegt,
dass man eine Art Stilzerstörungsprogramm entwickeln müsste, um Texte auf ihren
gedanklichen Gehalt zu prüfen. Eine Art Stilzerstörung ist es auch schon, wenn
man selbst in andere Sprachen übersetzt wird. Man stellt dann plötzlich
Untiefen im eigenen Gedankengang fest, die vorher von idiomatischer
Suggestivität kaschiert waren. Die Übersetzungen von Hegel ins Englische haben
ganz frischen Wind in die Auslegung seiner Philosophie gebracht. Also, so sehr
ich das Deutsche liebe, so wenig glaube ich an seine Sonderrolle.
Ihre
Website nennt sich www.similitudo.de.
Wollen Sie damit andeuten, dass es sich beim Übersetzen niemals um das
„Gleiche“ in einer anderen Sprache handeln kann, sondern prinzipiell nur um das
„Ähnliche“, das „Angenäherte“?
Der Begriff
der Ähnlichkeit inspiriert mich seit langem, nicht nur in Bezug auf die
Übersetzung. Der Begriff durchzieht alle Bereiche menschlichen Denkens, von der
Theologie bis hin zur Computertheorie. Eine Zeitlang habe ich mich viel mit dem
Programmieren in C und PASCAL befasst und Arbeiten über Sequence Comparison studiert.
Ein Thema, das beim automatischen Textvergleich, aber auch in der Genetik eine
große Rolle spielt. Ähnlichkeit per se gibt es nicht, sie hängt – wie die
Übersetzung – von einem tertium comparationis ab, einem Dritten, einem Maßstab.
Und Ähnlichkeit ist ein gutes Mittel zur Täuschung, was mich ebenfalls sehr
interessiert. Irgendwann werde ich ein Buch darüber schreiben.
Dr.
Michaela Prinzinger
ist promovierte Neogräzistin,
Literaturwissenschaftlerin, ermächtigte Übersetzerin und beeidigte
Dolmetscherin. Seit mehr als 10 Jahren übersetzt sie
zeitgenössische Literatur aus Griechenland von Autoren wie Rhea Galanaki, Ioanna Karystiani, Mara Meimaridi und Petros Markaris, der mit seinem
Athener Ermittler Kostas Charitos längst Kult geworden ist.
Erschienen in: MDÜ 1/12, S. 38 - 41.